Ein bisschen merkwürdig fanden die Kollegen vom Gemeindeamt des alten Städtchens L. den Stephan Einmetz schon. Nicht dass er nicht immer pünktlich ins Büro kam oder etwa bei sehr schönem und sehr warmen Wetter die Krawatte ablegte; das tat er nicht. Aber dennoch.
Er arbeitete bei der öffentlichen Raumplanung, und es sah so aus als würde er sich beim Bauen auskennen. Auf jeden Fall hing öfters eine schöne Bauzeichnung einer Straßenfront an der Wand gegenüber seines Schreibtisches. Und manchmal sagte er dann plötzlich Sachen wie: "Es gibt doch wohl mehr zwischen Himmel und Erde als dieses Theater mit den Baubewilligungen". Fragte dann jemand, was er damit wohl meinte, schmunzelte er und schwieg. Weiters wußte niemand was vom Bernhard, außer der Heinrich Maurer, mit dem er manchmal in der Mittagspause einen Spaziergang machte. Als er nach einigen Jahren sein Jubiläum feierte, stellte sich heraus, dass er sich einen Zeichentisch, Bleistifte, Dreiecke und ein Lineal zum Geschenk wünschte. War er doch früher ein paar Monate auf der Fachhochschule gewesen. Deshalb eben.
Na ja, er bekam sie selbstverständlich; obwohl niemand begriff wofür er sie brauchte. Aber in seinem Dankeswort sagte er plötzlich, dass er die schönen Geschenke für sein neues Hobby verwenden würde: er wollte ein unsichtbares Gebäude bauen und dafür erst die Bauentwürfe herstellen.
Jedermann schüttelte den Kopf und die zwei jüngsten Sekretärinnen kicherten sogar gemeinsam mit den zwei jüngsten Beamten, mit denen sie regelmäßig in eine zwar spärlich erleuchtete, aber dennoch sehr sichtbare Diskothek gingen. Stephan sagte am Ende seines Dankeswortes auch noch was wie " Na ja, für mein Gebäude brauche ich auf jeden Fall keine Baubewilligung." Er war mir schon ein merkwürdiger Mensch, der Stephan Einmetz.
Die Jahre gingen vorbei und niemand sprach mehr über Stephan und seine großartigen Pläne. Aber Stephan Einmetz hatte in der Zwischenzeit nicht stillgesessen. Er hatte, sorgfältig und gelassen wie er war, erst tief und lange über seinen Plan und sein Gebilde nachgedacht. Und eines schönen Tages heftete er ein Blatt Papier auf sein Reißbrett, nahm fest beschlossen seinen angespitzten Bleistift zur Hand und schob das Lineal zum unteren Rand des Zeichenblattes.
Wie das so kam wußte er nicht, aber auf einmal entschloss er sich, den Bauplan für einen unsichtbaren Tempel zu zeichnen. Nein, es sollte keine Kirche werden, dann würde er ja noch eine Art Bewilligung brauchen, imaginär gesehen, vom Pfarrer oder Priester oder so ähnlich. Aber trotz dieser guten Idee geschah an diesem Abend noch nichts. So ein Tempel hatte ja einen Namen oder einen Gott, oder brauchte ein imaginäres Jahr worauf der Bau zurückgriff, meinte der imaginäre Architekt. Etwas, was man auf den ersten Stein graviert. So etwas wie: zu Ehren von, erbaut von dem, im Jahre soundso. Und gerade das wollte der Stephan nicht. Nein, es musste eine Art Gebäude werden wie die Welt selber. Für jeden. Er schmunzelte über sich selber, als er sich laut sagen hörte: " Auf jeden Fall muss es ein freistehendes Gebäude werden!" Diesen Abend legte er sich mit einem Lächeln ins Bett.
Ein paar Tage später saß er wieder an seinem Zeichentisch. Er hatte das Wohnzimmer seines Apartments absichtlich tadellos aufgeräumt, und er hatte - was er sonst nie tat - seine Krawatte und sein Sakko anbehalten. Heute würde er vielleicht die ersten Linien auf Papier setzen. Mucksmäuschenstill war es rundum, oder bildete er sich das nur ein? Er klopfte mit den Knöcheln seiner rechten Hand auf das Reißbrett und wartete. Auf einmal dachte er: " Wie kann man denn einen Plan machen, wenn man gar nicht weiß, welche Steine man benötigt?" In dieser Nacht träumte er, dass er im Dunkeln vor einer riesigen Tür stand, welche sich auf sein Klopfen öffnete. Es war dunkel und still hinter der Tür. Im Wochenende besuchte er ein paar Baumärkte, die führten aber ohnehin mehr Sachen für das neue Badezimmer des Bürgermeisters und leider nichts für den Tempel, den Stephan bedenken wollte. Eigentlich, fiel ihm ein, müsste man die Steine selber machen. Prächtige Steine, alle gleich und ineinander passend, genau wie Kristalle. Stephan dachte wieder lang nach: so müsste es sein, aber wie müsste man so etwas ausführen?
Nur zum Spaß kaufte er am Markt einen alten Meißel und einen schönen runden Steinmetzhammer. Manchmal nahm er sie in die Hand, als wollte er an einem rauhen Stein eine glatte Seite hacken. Und wieder nahm er sein Reißbrett und sah vor seinem Auge das Bild eines Giebels, mit Treppen aus gleichmäßig geformten Steinen und harmonischer Anordnung. Einen Eingang auch, klar, aber weiter kam er noch nicht.
Plötzlich fiel ihm ein, dass an so einem Tempel natürlich Tausende von Menschen arbeiten müssten. Seinen Kollegen brauchte er das wohl nicht zu fragen. Die fanden ihm auch so schon einen Sonderling. Er seufzte und dachte dran, seinen Plan auf zu geben. Bevor er zu Bett ging und die Vorhänge schloss, blickte er aus dem Fenster über die Dächer, hinauf zu den Sternen. Wie Lichter im Plafond eines Tempels. Er schüttelte den Kopf und sagte zu sich selber: " Ach, dieser Tempel, irgendwer hat ihn bestimmt schon erdacht, und vielleicht existiert er ja schon lang. Vielleicht muss ich mal mit jemand drüber reden ". Eines Abends, nach einer langen Versammlung, schaute er wieder einmal zu den Sternen: Keiner stand da nur so, alle sind geordnet gemäß eines großen und unbegreiflichen Planes. Und als er sich das zufällig im Büro einmal entfallen ließ, dass die Welt eigentlich schon lange räumlich geordnet sei, sagte dieser komische Heinrich Maurer auf einmal: "Ach, wenn man tief nachdenkt, ist das ganze Leben ja auch eine Art Bauwerk." "Für dich mit so einem Namen vielleicht schon", hänselte Stephan zurück. Dran war da aber schon was. Den Plan hatte er in der Zwischenzeit eigentlich aufgegeben. Sollte er mit Heinrich noch einmal drüber sprechen? Na ja, am Arbeitsplatz würde das nichts werden, inzwischen waren da schon wieder blutjunge Sekretärinnen und dito Beamte, die würden sich um solche Sachen lustig machen. Er fing an sich über seine dummen Fantasien zu ärgern und entschied sich, seinen Zeichentisch und den Hammer und den Meißel fort zu tun. Eigentlich war er böse auf sich selber. Als junger Mann hätte er die Fachhochschule bis zum Abschluss besuchen sollen; richtige Gebäude zeichnen lernen. Dieser Unsinn auch. Die Haare könnte er sich ausreißen; aus lauter Zorn tat er es auch, und bekam zu seinem Ärger Kopfschmerzen.
"So", sagte er, "der Baumeister ist tot. Stephan Einmetz macht ab jetzt nur noch vernünftige Sachen".
Aber wie das halt geht: er schaffte die Zeichensachen doch nicht fort. Sie verschwanden in den Keller, unten im Apartmenthaus. Ein paar Jahre später ging Stephan in den Vorruhestand, und ordnungsliebend wie er war, entschloss er sich auf zu räumen. Er fand die alten Sachen wieder und sann über seine komischen Pläne von damals.
Warum hatte er nie mit anderen Menschen über seine phantastische Idee gesprochen, hatte er deswegen den Bauplan nicht gefunden? Als er am Abend doch wieder alles auf den Tisch legte, kam ihm der Gedanke, dass genau wie die Sterne, auch die Menschen ihren Platz haben, dass sie, wie er selber halb spottend einmal sagte, genau wie die Welt, geordnet sind. Den Plan musste es also geben. Er entschloss sich, seinen alten Kollegen Heinrich an zu rufen.
Danach sprachen sie gemeinsam jede Woche stundenlang über die Welt und das Leben, das sie mehr und mehr als ein Bauwerk sahen. Ein Bauwerk sogar, woran sie auch in ihrem Alter arbeiten sollten. "Weißt du Heinrich, der Plan dieses Tempels stand in den Sternen, in den Herzen der Menschen, auf den Blumen, auf den Wolken und in den Flussbetten… Aber ich konnte ihn nicht alleine finden." Heinrich antwortete: "Dann sollten wir mal versuchen, den Plan gemeinsam zu zeichnen." So wurden sie also Baumeister am Reißbrett, obwohl es ihnen klar war, dass sie immer Lehrling bleiben würden und dass der Tempel übersinnlich ist, von einer Schönheit so groß, wie sie der eigene Geist nur erfassen will.
Träumt Stephan jetzt mal von seinem Tempel, sieht er durch die weit offenstehenden Tore Licht auf die Stiegen und die Säulen fallen und hört er die Stimmen seiner Freunde, auch die seiner Kollegen und der Sekretärinnen mit ihren jungen Freunden. Für wem denn sonst hatte er den Tempel gebaut? Niemand weiß davon, er aber lächelt in seinem Traum.


Schließlich und endlich hat ja jeder Baumeister so sein Geheimnis…..





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